Frei nach Edgar Wallace
So zumindest könnte der Titel des jüngsten Bühnenstücks der „Theaterkekse" vom Leibniz-Gymnasium wohl ebenfalls heißen. Denn der „Mord am Grauen Mann" von Peter Haus scheint insbesondere von dem berühmten Erschaffer klassischer Kriminalromane inspiriert worden zu sein, welche bis heute Maßstäbe dieses Genres setzen. Auffallend häufig erinnert die handlungsbestimmende Gruppe sehr ungleicher Figuren an die typischen Charaktere Wallace'scher Verfilmungen.
| Auch der Tatort, ein einsames Berghotel fernab der Zivilisation, reiht sich in die Parallelen ein und unterstreicht somit die Wirkung der gesamten geschaffenen Atmosphäre des Stückes auf den Zuschauer. Anfangs noch der idyllische Rückzugsort stressgeplagter Karrieremenschen, dominiert spätestens nach dem ersten Mord das Gefühl der Einsamkeit und Abgelegenheit bei den Protagonisten. Denn als genüge nicht die Tat an sich, ist die Außenwelt fortan für alle Beteiligten unerreichbar. Angst und Ungewissheit grassieren, denn jeder ist verdächtig und wer mag wohl das nächste Opfer des Mörders sein? | ![]() |
Diese Frage stellten sich auch die Zuschauer mit Beginn der kurzen Pause und von überall her raunten die Vermutungen über den weiteren Ablauf der Handlung durch den Saal. Rückblickend entbehrt die Wahl der Opfer nicht dem Gefühl, als hätte es anders kaum sein können, doch dies stellt sich erst hinterher ein. Auch enthalten gewisse Elemente der Handlung eine gewisse Vorhersagbarkeit und Typisierung, doch zumindest das Ende und die Auflösung des spannenden Kriminalfalles weiß so manchen zu überraschen.
| Die Charaktere scheinen wiederum aus den entlegensten Welten
gesammelt und auf einen Ort konzentriert, Extreme treffen auf Extreme: Der
luxusverwöhnte und materialistische Geschäftsmann mitsamt verwöhnten Kindes,
die prestigesüchtige Wissenschaftlerin, der kein Preis für ihren Erfolg zu hoch
zu sein scheint, die übereifrige Schriftstellerin, ständig auf der Suche nach
neuer Inspiration für ihre eigenen Werke und die geheimnisvolle alte Dame, an
deren Absichten wohl bis zuletzt gezweifelt werden kann. Und alle scheinen sie
auf mysteriöse Weise miteinander verbunden. Regelmäßig streuen sie
vermeintliche Hinweise unter die Zuschauer und führen sie dabei durch ein
Labyrinth der Verdächtigungen. |
Besonders herausragen taten die schauspielerischen Leistungen von Tim Josefski, welcher überzeugend in Mimik und Gestik den Dorfpolizisten Simon Breitgruber darstellte, als auch Julia Kölling, die mit der Figur der mysteriösen Madame nahezu sich selbst zu spielen schien. Ebenfalls erwähnen sollte man Stella Billbaum, die Figur von Wiebke Sucker.
Mögen manchen Darstellern an einigen Stellen auch unbeabsichtigt kleine Versprecher anhaften, so spielen sie dennoch unbeirrt allesamt bis zum Schluss durch, überspielen teilweise ihre Fehler sogar in einer Art, dass sie dem von der Handlung gefesselten Zuschauer gar nicht mehr auffallen - schon deshalb sollte man sie ihnen verzeihen. Zudem birgt die Aktion vor anwesendem Publikum immer auch das Risiko fehlender Perfektion - wo kann sie schon verlangt werden?
Selbst ein Mord hat seine Macken, wie viele Jahre er auch geplant sei - so zumindest der „Mord am Grauen Mann".
Christian Stobbe



