Sanierungsgebiete Potsdam
Schiffbauergasse
Gliederung:

Blick auf das
Sanierungsgebiet von der Uferseite
- Rechter Bildrand:
ehemalige Koksseparation im Umbau als Bürohaus für Oracle
- Vorne-links: ehemalige
Zichorienmühle
- Hintergrund:
Kreiswehrersatzamt (ehemalige Leibgarde-Husaren-Kaserne)
1. Räumliche und
Zeitliche Einordnung:
Die
Schiffsbauergasse ist eine kleine Stichstraße von der Berliner Straße kurz vor
der Auffahrt zur Nuthe-Schnellstraße. Das Sanierungsgebiet umfasst ca. 11,9 ha.
Nördlich schließen intakte Wohn- und Gewerbeflächen an diesen Bereich an, bei
denen kein Sanierungsbedarf festgestellt wurde.
Die westliche
Grenze stellt die Berliner Straße inklusive der beidseitigen Gehwege und
Baumreihen dar. Südlich wird das Gebiet von der Nuthestraße bzw. der
Humboldtbrücke begrenzt und im Osten endet das Gebiet ca. 40 Meter vor dem
Havelufer. Der Bereich dahinter weißt zu starke Altlasten aufgrund der früheren
militärischen Nutzung auf und die Uferbefestigung benötigt eine grundlegende
Sanierung. Bei der Festlegung des Sanierungsgebietes wurde auf ein schnelles
Vonstattengehen der Sanierungsarbeiten geachtet.

Historisch hatte
das Gebiet einen schlechten Stand. Im 17. Jahrhundert wurde es als Stoppelfeld
bezeichnet, was in Bezug auf die damalige Kulturlandschaft Potsdams mit Gärten,
Parks und Schlössern nicht verwunderlich ist. Dennoch bot es gute
Vorraussetzungen für die Entwicklung der Berliner Vorstadt. Bei anderen
Beispielen von Vorstädten wurden Institutionen eingerichtet, die innerhalb der
Stadtmauern unerwünscht waren, wie Hospitäler oder Friedhöfe. In der Berliner
Vorstadt hingegen waren die Nähe zu den kulturlandschaftlichen Attraktionen
ausschlaggebend für den Bau von Villen und repräsentativen Gebäuden.
Die
Schiffbauergasse ist ein Beispiel für die frühindustrielle Entwicklung, die in
der Garnisonsstadt Potsdam nur eine kurze Blütezeit erlebte. Zu Beginn handelte
es sich um eine Ansammlung von Mühlen. So entstand um 1799 eine
Zichorienfabrik, in der der entsprechende Kaffee-Ersatz produziert wurde. Die
Fabrik wurde nach Übernahme durch eine angrenzende Gasanstalt des Berliner
Unternehmers Julius Conrad Freund abgerissen. Diese versorgte Potsdam über 140
Jahre lang mit Kohlengas - zunächst zur Straßenbeleuchtung, dann auch für den
privaten Verbrauch, der schnell anstieg. Das Gaswerk wurde von der Stadt
übernommen und ständig erweitert. Nur eine Mühle mit neuerem Anbau, der damals
als Wohnung für den Betriebsleiter entstand, blieb erhalten.
Zichorienmühle mit Anbau
Vor dieser
Gasanstalt lässt sich eine frühere Nutzung vermerken. Der Engländer John
Barnett Humphrey hatte 1815 das Monopol zum Bau und Betrieb von Dampfschiffen in allen preußischen
Provinzen erhalten, und verlegte seine Werft hierher nach Potsdam. Daraus
resultiert der Name Schiffbauergasse. 1818 liefen die "Friedrich Wilhelm
III." und 1819 die "Blücher", das damals größte Dampfschiff
Europas, vom Stapel. Obwohl Friedrich Wilhelm III. das Unternehmen förderte,
konnte Humphrey es nur kurze Zeit halten - es wurde schon 1819 vom Staat
übernommen, musste aber 1821 ganz geschlossen werden, da die Wasserwege noch
nicht für Schiffe dieser Größe ausgebaut waren.
Nach 1945 wurde
die Uferkante mit Kriegstrümmern aufgeschüttet, das gewonnene Land u.a. mit
einer Maschinenhalle für das
Gaswerk bebaut. Ein Fischersteg, der schon seit Urzeiten bestand und Fischereirechte
besaß, verlor somit seinen Zugang zum Wasser. Die DDR verstaatlichte die
Fischereirechte in der "PGH Binnenfischerei", und errichtete auf dem
Boden des alten Steges eine Fischaufzuchtanlage, zu der Wasser aus dem Tiefen
See herangepumpt wurde. Heute wird das "Fischhaus" für Tanzproben
genutzt.
Eine weitere Nutzungsform offerierte die 1880/82 errichtete Königliche Garnisonswaschanstalt. Diese
wurde nach 1949 vom DDR-Dienstleistungskombinat Rewatex als Großwäscherei
übernommen. Nach Abriss des Gaswerkes verblieb als letzter Hinweis auf den
alten Industriestandort der Schlot des Waschhaus.
Auch die frühere
militärische Nutzung prägt noch
heute durch zahlreiche Bauten den Standort. Bereits 1822 wurde auf einem Teil
des ehemaligen Garnisonholzhofs nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel eine
H-förmige Reitstallanlage und eine große Reithalle (die Schinkelhalle) errichtet. Die Gesamtanlage umfasste zwei
Reitplätze. Der hintere war havelseitig geschlossen, der vordere hingegen für
jedermann einsehbar, nur durch ein großes schmiedeeisernes Gitter von der
Straße getrennt - der Volksmund sprach vom "Reittheater", in dem die
Kavallerie auftrat.
2. Gründe für die
Zuordnung als Sanierungsgebiet „Schiffbauergasse“:
Das Gebiet
Schiffbauergasse hat besondere Aufgaben für die Gesamtstadt zu erfüllen, die es
zum Zeitpunkt der förmlichen Festlegung des Sanierungsgebietes aufgrund des
derzeitigen Zustandes nicht erfüllen konnte und noch immer nicht erfüllen kann.
Kennzeichnend
für das Quartier ist eine sehr heterogene Nutzung mit historisch teilweise
bedeutender Industrie-(Gaswerk/Kokerei, Zichorienmühle), Militär-(Kasino,
Reithallen, Kreiswehrersatzamt) und sonstigen partiell brachgelegen
Gewerbebebauungen sowie der einmalig gelegene, jedoch selten genutzte Haveluferbereich
mit aufgelassenen Kai- und Bollwerkanlagen. Da in diesem Bereich des östlichen
Sanierungsgebietes Altlasten aus der früheren Nutzung bekannt sind, sind
funktionell und bauliche Mängel festzustellen. Auch einige der
technikgeschichtlich identifizierbaren Areale der Energie– und
Industrieproduktion sind durch erhebliche Gebäude- und
Gründstückskontaminationen (fachspr. für [radioaktive] Verunreinigung,
Verseuchung) geprägt. Für einen Großteil der z.T. denkmalgeschützten Gebäude
sind erhebliche Instandsetzungsdefizite festzustellen.
Durch
gravierende Nutzungsänderungen, mangelnde Instandhaltung bzw. unsachgemäßen
Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz in den Jahren 1945 bis 1989 und durch
flächenhaften Abriss liegen Verhältnisse vor, die eine umfassende und komplexe
Sanierung erfordern.
Unmittelbarer
Handlungsbedarf für das Quartier ergibt sich auch durch die deutsche
Niederlassung des internationalen bedeutenden US-Softwarehauses Oracle.
Die verkehrliche
Erschließung sowie die Gestaltung bzw. das Nichtvorhandensein öffentlicher
Freiflächen stellt wesentliche städtebaulich Missstände dar. Ein Großteil des
Gebietes liegt brach, wird gemäß seiner Lage nicht genutzt und dementsprechend
müssen andere Nutzungen dem Gebiet zugeordnet werden.
Städtebauliche
Problemlagen ergeben sich auch im südlich anschließenden Teilbereich an der
Humboldtbrücke, da die positiven Potenziale dieses Bereiches, wie die
Lagequalität an der Havel oder gut erreichbare Brückenrampen noch nicht als
Standortqualität wahrgenommen werden obwohl dieser Bereich Entwicklungschancen in Größenordnungen
bietet.
Da die Maßnahmen
der Objektsanierung darüber hinaus teilweise in die Nutzerstruktur eingreifen
und einige der Betroffenen in den von ihnen gegenwärtig genutzten Gebäuden
keine oder nur unzureichende Entwicklungsmöglichkeiten haben sind unter
Umständen Umsetzungen bzw. Erweiterungsbauten notwendig.
Im Sinne des §
136 BauGB erweisen sich die noch bestehenden technischen, umweltrelevanten,
planungs- und eigentumsrechtlichen, erschließungsbestimmenden, öffentlichen und
privaten Fakten als funktionale und städtebaulich gravierende Missstände.
3.
Ziele der Sanierung:
Die förmliche Festlegung des Gebietes Schiffbauergasse als
Sanierungsgebiet bietet die Chance, die schwerwiegenden städtebaulichen
Missstände zu beseitigen. Das Wohnen in diesem Gebiet soll attraktiver gemacht
werden. Die Sanierungsmaßnahmen dienen
grundlegender Verbesserung und Umgestaltung der Schiffbauergasse. Die Entwicklung des Gebietes zu einem neuen
Kulturstandort für die Landeshauptstadt Potsdam und die Ansiedlung neuer, dem
hohen Anspruch dieses Ortes gerecht werdender, gewerblicher Nutzungen werden
dadurch möglich.
Das völlig neue
inhaltliche Konzept der direkten Verbindung von Kunst und Wirtschaft, von
Kultur- und Stadtentwicklung soll das Ergebnis der Sanierung sein. Das Ziel der
Sanierung ist, die Aktivitäten der zahlreichen freien Kulturträger im Bereich
u.a. von zeitgenössischer Kunst, Tanz, Theater, Musik, Film zu sichern und
auszubauen und im Zusammenwirken mit weiteren Kultur- und Freizeitangeboten,
mit Gastronomie und Gewerbe die Schiffbauergasse zu einem touristisch
attraktiven Standort für die Region zu profilieren. Kunst, Kulturszene,
Gewerbe, Gastronomie und Tourismus sollen so integriert werden, dass ein lebendiger
Ort des Austausches und der gegenseitigen Bestärkung entsteht.
Bebauungsplan (Stand
2003)
Ein Uferpark,
gastronomische Angebote, die nötige Erschließung von Verkehr und Tourismus und
eine gleichwertige Ansiedlung von Gewerbe sollen Besucher, Investoren und
Nutzer anziehen. Die historische
Umgebung und die herausragende Lage am Wasser, Angebote zeitgenössischer Kunst
und Kultur und zukunftsorientierte Arbeitsplätze sollen ganzheitlich verbunden
und gefördert werden. Die Schiffbauergasse kann so zu einem wesentlichen Faktor
der Stadtentwicklung werden. Potsdam will damit seine besonderen
Standortqualitäten auch im europäischen Maßstab profilieren.
4. Beurteilung des
gegenwärtigen Standes:
Die
städtebaulichen und baulichen Maßnahmen der 90'er Jahre, namentlich die
Inwertsetzung der historischen Kasernen für die Wehrbereichsverwaltung, die
Modernisierung und Instandsetzung der Reithalle A sowie die Nutzung weiterer
Garnisonsbauten für freie Kulturträger schufen erste Inkubatoren für die
Entwicklung innerhalb des Quartiers.
Die
städtebauliche Sanierung ist im Gebiet Schiffbauergasse bisher nur zögerlich in
Gang gekommen, da durch die Insolvenz der LEG keine kontinuierliche Entwicklung
des Gebietes mehr möglich ist. Mit dem beabsichtigten Grunderwerb der
betreffenden Flächen durch die Stadt Potsdam soll ein wesentliches Hemmnis für
eine zügige Entwicklung des Gebietes beseitigt werden.
Die gegenwärtige
Zeit- und Finanzierungsplanung sieht vor, dass die öffentlichen Maßnahmen in
etwa 6 Jahren abgeschlossen werden können, wenn die bisher nicht durch
Bewilligung gedeckten Finanzierungsmittel zeitgerecht zur Durchführung der
entsprechenden Maßnahmen zur Verfügung stehen. Es besteht auch die Möglichkeit
private und Neubaumaßnahmen nach Abschluss der öffentlichen Maßnahmen
durchzuführen.
Die Mitwirkung
der von der Planung betroffenen bzw. begünstigten Träger öffentlicher Belange
ist gegeben. Aufgrund der bisherigen Beteiligung von privaten Eigentümern bzw.
Mietern oder sonstigen Nutzern ist ebenfalls eine generelle
Mitwirkungsbereitschaft im Interesse einer positiven Gesamtentwicklung des
Gebietes auszugehen.
5. Quellen:
-
Stadtverwaltung Potsdam
-
http://www.schiffbauergasse.de
-
http://www.pnn.de
-
http://www.potsdam.de
- http://www.sanierungstraeger-potsdam.de