Sanierungsgebiete Potsdam

Schiffbauergasse

 

 

Gliederung:

  1. Räumliche und Zeitliche Einordnung
  2. Gründe für die Zuordnung als Sanierungsgebiet
  3. Ziele der Sanierung
  4. Beurteilung des gegenwärtigen Standes
  5. Quellen

 

Blick auf das Sanierungsgebiet von der Uferseite

- Rechter Bildrand: ehemalige Koksseparation im Umbau als Bürohaus für Oracle

- Vorne-links: ehemalige Zichorienmühle 

- Hintergrund: Kreiswehrersatzamt (ehemalige Leibgarde-Husaren-Kaserne)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Räumliche und Zeitliche Einordnung:

 

Die Schiffsbauergasse ist eine kleine Stichstraße von der Berliner Straße kurz vor der Auffahrt zur Nuthe-Schnellstraße. Das Sanierungsgebiet umfasst ca. 11,9 ha. Nördlich schließen intakte Wohn- und Gewerbeflächen an diesen Bereich an, bei denen kein Sanierungsbedarf festgestellt wurde.

Die westliche Grenze stellt die Berliner Straße inklusive der beidseitigen Gehwege und Baumreihen dar. Südlich wird das Gebiet von der Nuthestraße bzw. der Humboldtbrücke begrenzt und im Osten endet das Gebiet ca. 40 Meter vor dem Havelufer. Der Bereich dahinter weißt zu starke Altlasten aufgrund der früheren militärischen Nutzung auf und die Uferbefestigung benötigt eine grundlegende Sanierung. Bei der Festlegung des Sanierungsgebietes wurde auf ein schnelles Vonstattengehen der Sanierungsarbeiten geachtet.

 

Historisch hatte das Gebiet einen schlechten Stand. Im 17. Jahrhundert wurde es als Stoppelfeld bezeichnet, was in Bezug auf die damalige Kulturlandschaft Potsdams mit Gärten, Parks und Schlössern nicht verwunderlich ist. Dennoch bot es gute Vorraussetzungen für die Entwicklung der Berliner Vorstadt. Bei anderen Beispielen von Vorstädten wurden Institutionen eingerichtet, die innerhalb der Stadtmauern unerwünscht waren, wie Hospitäler oder Friedhöfe. In der Berliner Vorstadt hingegen waren die Nähe zu den kulturlandschaftlichen Attraktionen ausschlaggebend für den Bau von Villen und repräsentativen Gebäuden.

Die Schiffbauergasse ist ein Beispiel für die frühindustrielle Entwicklung, die in der Garnisonsstadt Potsdam nur eine kurze Blütezeit erlebte. Zu Beginn handelte es sich um eine Ansammlung von Mühlen. So entstand um 1799 eine Zichorienfabrik, in der der entsprechende Kaffee-Ersatz produziert wurde. Die Fabrik wurde nach Übernahme durch eine angrenzende Gasanstalt des Berliner Unternehmers Julius Conrad Freund abgerissen. Diese versorgte Potsdam über 140 Jahre lang mit Kohlengas - zunächst zur Straßenbeleuchtung, dann auch für den privaten Verbrauch, der schnell anstieg. Das Gaswerk wurde von der Stadt übernommen und ständig erweitert. Nur eine Mühle mit neuerem Anbau, der damals als Wohnung für den Betriebsleiter entstand, blieb erhalten.

 Zichorienmühle mit Anbau

 

Vor dieser Gasanstalt lässt sich eine frühere Nutzung vermerken. Der Engländer John Barnett Humphrey hatte 1815 das Monopol zum Bau und Betrieb von Dampfschiffen in allen preußischen Provinzen erhalten, und verlegte seine Werft hierher nach Potsdam. Daraus resultiert der Name Schiffbauergasse. 1818 liefen die "Friedrich Wilhelm III." und 1819 die "Blücher", das damals größte Dampfschiff Europas, vom Stapel. Obwohl Friedrich Wilhelm III. das Unternehmen förderte, konnte Humphrey es nur kurze Zeit halten - es wurde schon 1819 vom Staat übernommen, musste aber 1821 ganz geschlossen werden, da die Wasserwege noch nicht für Schiffe dieser Größe ausgebaut waren.

Nach 1945 wurde die Uferkante mit Kriegstrümmern aufgeschüttet, das gewonnene Land u.a. mit einer Maschinenhalle für das Gaswerk bebaut. Ein Fischersteg, der schon seit Urzeiten bestand und Fischereirechte besaß, verlor somit seinen Zugang zum Wasser. Die DDR verstaatlichte die Fischereirechte in der "PGH Binnenfischerei", und errichtete auf dem Boden des alten Steges eine Fischaufzuchtanlage, zu der Wasser aus dem Tiefen See herangepumpt wurde. Heute wird das "Fischhaus" für Tanzproben genutzt.
Eine weitere Nutzungsform offerierte die 1880/82 errichtete Königliche Garnisonswaschanstalt. Diese wurde nach 1949 vom DDR-Dienstleistungskombinat Rewatex als Großwäscherei übernommen. Nach Abriss des Gaswerkes verblieb als letzter Hinweis auf den alten Industriestandort der Schlot des Waschhaus.

Auch die frühere militärische Nutzung prägt noch heute durch zahlreiche Bauten den Standort. Bereits 1822 wurde auf einem Teil des ehemaligen Garnisonholzhofs nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel eine H-förmige Reitstallanlage und eine große Reithalle (die Schinkelhalle) errichtet. Die Gesamtanlage umfasste zwei Reitplätze. Der hintere war havelseitig geschlossen, der vordere hingegen für jedermann einsehbar, nur durch ein großes schmiedeeisernes Gitter von der Straße getrennt - der Volksmund sprach vom "Reittheater", in dem die Kavallerie auftrat.

 

2. Gründe für die Zuordnung als Sanierungsgebiet „Schiffbauergasse“:

 

Das Gebiet Schiffbauergasse hat besondere Aufgaben für die Gesamtstadt zu erfüllen, die es zum Zeitpunkt der förmlichen Festlegung des Sanierungsgebietes aufgrund des derzeitigen Zustandes nicht erfüllen konnte und noch immer nicht erfüllen kann.

Kennzeichnend für das Quartier ist eine sehr heterogene Nutzung mit historisch teilweise bedeutender Industrie-(Gaswerk/Kokerei, Zichorienmühle), Militär-(Kasino, Reithallen, Kreiswehrersatzamt) und sonstigen partiell brachgelegen Gewerbebebauungen sowie der einmalig gelegene, jedoch selten genutzte Haveluferbereich mit aufgelassenen Kai- und Bollwerkanlagen. Da in diesem Bereich des östlichen Sanierungsgebietes Altlasten aus der früheren Nutzung bekannt sind, sind funktionell und bauliche Mängel festzustellen. Auch einige der technikgeschichtlich identifizierbaren Areale der Energie– und Industrieproduktion sind durch erhebliche Gebäude- und Gründstückskontaminationen (fachspr. für [radioaktive] Verunreinigung, Verseuchung) geprägt. Für einen Großteil der z.T. denkmalgeschützten Gebäude sind erhebliche Instandsetzungsdefizite festzustellen.

Durch gravierende Nutzungsänderungen, mangelnde Instandhaltung bzw. unsachgemäßen Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz in den Jahren 1945 bis 1989 und durch flächenhaften Abriss liegen Verhältnisse vor, die eine umfassende und komplexe Sanierung erfordern.

Unmittelbarer Handlungsbedarf für das Quartier ergibt sich auch durch die deutsche Niederlassung des internationalen bedeutenden US-Softwarehauses Oracle.

Die verkehrliche Erschließung sowie die Gestaltung bzw. das Nichtvorhandensein öffentlicher Freiflächen stellt wesentliche städtebaulich Missstände dar. Ein Großteil des Gebietes liegt brach, wird gemäß seiner Lage nicht genutzt und dementsprechend müssen andere Nutzungen dem Gebiet zugeordnet werden.

Städtebauliche Problemlagen ergeben sich auch im südlich anschließenden Teilbereich an der Humboldtbrücke, da die positiven Potenziale dieses Bereiches, wie die Lagequalität an der Havel oder gut erreichbare Brückenrampen noch nicht als Standortqualität wahrgenommen werden obwohl dieser Bereich  Entwicklungschancen in Größenordnungen bietet.

Da die Maßnahmen der Objektsanierung darüber hinaus teilweise in die Nutzerstruktur eingreifen und einige der Betroffenen in den von ihnen gegenwärtig genutzten Gebäuden keine oder nur unzureichende Entwicklungsmöglichkeiten haben sind unter Umständen Umsetzungen bzw. Erweiterungsbauten notwendig.

Im Sinne des § 136 BauGB erweisen sich die noch bestehenden technischen, umweltrelevanten, planungs- und eigentumsrechtlichen, erschließungsbestimmenden, öffentlichen und privaten Fakten als funktionale und städtebaulich gravierende Missstände.

 

 

 

 

3. Ziele der Sanierung:

Die förmliche Festlegung des Gebietes Schiffbauergasse als Sanierungsgebiet bietet die Chance, die schwerwiegenden städtebaulichen Missstände zu beseitigen. Das Wohnen in diesem Gebiet soll attraktiver gemacht werden.  Die Sanierungsmaßnahmen dienen grundlegender Verbesserung und Umgestaltung der Schiffbauergasse.   Die Entwicklung des Gebietes zu einem neuen Kulturstandort für die Landeshauptstadt Potsdam und die Ansiedlung neuer, dem hohen Anspruch dieses Ortes gerecht werdender, gewerblicher Nutzungen werden dadurch möglich.

Das völlig neue inhaltliche Konzept der direkten Verbindung von Kunst und Wirtschaft, von Kultur- und Stadtentwicklung soll das Ergebnis der Sanierung sein. Das Ziel der Sanierung ist, die Aktivitäten der zahlreichen freien Kulturträger im Bereich u.a. von zeitgenössischer Kunst, Tanz, Theater, Musik, Film zu sichern und auszubauen und im Zusammenwirken mit weiteren Kultur- und Freizeitangeboten, mit Gastronomie und Gewerbe die Schiffbauergasse zu einem touristisch attraktiven Standort für die Region zu profilieren. Kunst, Kulturszene, Gewerbe, Gastronomie und Tourismus sollen so integriert werden, dass ein lebendiger Ort des Austausches und der gegenseitigen Bestärkung entsteht. 

 

Bebauungsplan (Stand 2003)

 

Ein Uferpark, gastronomische Angebote, die nötige Erschließung von Verkehr und Tourismus und eine gleichwertige Ansiedlung von Gewerbe sollen Besucher, Investoren und Nutzer anziehen.  Die historische Umgebung und die herausragende Lage am Wasser, Angebote zeitgenössischer Kunst und Kultur und zukunftsorientierte Arbeitsplätze sollen ganzheitlich verbunden und gefördert werden. Die Schiffbauergasse kann so zu einem wesentlichen Faktor der Stadtentwicklung werden. Potsdam will damit seine besonderen Standortqualitäten auch im europäischen Maßstab profilieren.

 

4. Beurteilung des gegenwärtigen Standes:

 

Die städtebaulichen und baulichen Maßnahmen der 90'er Jahre, namentlich die Inwertsetzung der historischen Kasernen für die Wehrbereichsverwaltung, die Modernisierung und Instandsetzung der Reithalle A sowie die Nutzung weiterer Garnisonsbauten für freie Kulturträger schufen erste Inkubatoren für die Entwicklung innerhalb des Quartiers.

 

Die städtebauliche Sanierung ist im Gebiet Schiffbauergasse bisher nur zögerlich in Gang gekommen, da durch die Insolvenz der LEG keine kontinuierliche Entwicklung des Gebietes mehr möglich ist. Mit dem beabsichtigten Grunderwerb der betreffenden Flächen durch die Stadt Potsdam soll ein wesentliches Hemmnis für eine zügige Entwicklung des Gebietes beseitigt werden.

Die gegenwärtige Zeit- und Finanzierungsplanung sieht vor, dass die öffentlichen Maßnahmen in etwa 6 Jahren abgeschlossen werden können, wenn die bisher nicht durch Bewilligung gedeckten Finanzierungsmittel zeitgerecht zur Durchführung der entsprechenden Maßnahmen zur Verfügung stehen. Es besteht auch die Möglichkeit private und Neubaumaßnahmen nach Abschluss der öffentlichen Maßnahmen durchzuführen.

Die Mitwirkung der von der Planung betroffenen bzw. begünstigten Träger öffentlicher Belange ist gegeben. Aufgrund der bisherigen Beteiligung von privaten Eigentümern bzw. Mietern oder sonstigen Nutzern ist ebenfalls eine generelle Mitwirkungsbereitschaft im Interesse einer positiven Gesamtentwicklung des Gebietes auszugehen.

 

5. Quellen:

 

- Stadtverwaltung Potsdam

- http://www.schiffbauergasse.de

- http://www.pnn.de

- http://www.potsdam.de

- http://www.sanierungstraeger-potsdam.de